Viele Christen haben heute eine große Sehnsucht nach Harmonie. Das ist zunächst etwas Gutes. Der Glaube ruft schließlich zum Frieden, zur Versöhnung und zur Liebe auf. Doch manchmal kippt diese Haltung in eine gefährliche Unklarheit: Das Böse wird nicht mehr benannt, Konflikte werden verdrängt, und selbst offensichtliche Irrwege werden tabuisiert, um möglichst niemanden zu „verletzen“.
Dabei spricht Jesus erstaunlich klar von Feinden. Und genau darin liegt ein wichtiger Punkt: Wenn Christus sagt: „Liebt eure Feinde“, dann setzt das voraus, dass wir den Feind überhaupt als solchen erkennen. Jesu Gebot hebt die Existenz des Bösen nicht auf — es verändert nur die Weise, wie wir ihm begegnen sollen.
Christlicher Glaube bedeutet deshalb nicht Blindheit gegenüber dem Bösen. Jesus selbst war voller Liebe und zugleich voller Wahrheit. Er vergab Sündern, aber er nannte Sünde auch beim Namen. Er warnte vor Heuchelei, vor Verführung und vor falschen Wegen. Seine Liebe war niemals weichgespülte Gleichgültigkeit.
Gerade heute besteht die Gefahr, Liebe mit Konfliktvermeidung zu verwechseln. Doch eine Liebe, die das Böse nicht mehr erkennt und auch benennt, wird kraftlos. Wer alles entschuldigt, schützt am Ende weder die Wahrheit noch den Menschen. Christen sind nicht dazu berufen, Menschen zu hassen — aber sehr wohl dazu, zwischen Wahrheit und Irrtum zu unterscheiden.
Die Feindesliebe Jesu ist deshalb keine Einladung zur Naivität. Sie ist eine Aufforderung zu geistlicher Reife: den Feind klar zu erkennen, ihm aber nicht mit Hass, sondern mit konsequenter Haltung in Liebe zu begegnen. Das Böse soll nicht verdrängt, sondern überwunden werden — nicht durch Vergeltung, sondern durch Wahrheit, Standhaftigkeit und Liebe.
Unsere Zeit braucht genau diese – in großen Teilen – verlorengegangene Balance neu: Klarheit ohne Härte, Liebe ohne Blindheit und Frieden ohne Selbsttäuschung
In herzlicher Verbundenheit
euer
Uli Falk
Neuapostolische Kirche